SC Tallinn 2001

SC Tallinn 2001

Mitternachtssonne, Sauna, Wodka, blonde Menschen, unzählige Seen, unnachvollziehbare Sprache, scheinbar emotionslose Gesichter

Group photo in<br />
the BEST office

Wer glaubt, hier beginnt ein weiterer Artikel über Finnland, für den gilt: knapp daneben ist auch vorbei. Die Rede ist nämlich von Estland, das nördlichste Land im Baltikum. Wobei dieser Überbegriff Baltikum nicht gerade glücklich ist. Bis auf Parallelen in der Geschichte dieser drei Staaten und ähnlicher topographischer Voraussetzungen haben Estland, Lettland und Litauen nicht viel gemeinsam - bis auf die Tatsache, dass sie stets miteinander verwechselt werden.

Wie oben bereits erwähnt, sind die Esten nämlich kulturell ganz klar den Finnen bzw. den Uralvölkern zuzuordnen. Und geographisch gehört Estland sowieso zu Skandinavien - wer Estland als osteuropäisches Land bezeichnet, sollte seine "mental map" besser updaten.

Zum Beginn der Story. Ende Juli nahm ich einen Flieger der FinnAir Richtung Helsinki, um nach drei Tagen in Helsinki bei einem Freund und Kollegen namens Matthias eines dieser berühmt-berüchtigten Fährschiffe nach Tallinn (oder Reval, wie die Deutschen sagten) zu besteigen.

Jupiler

In Tallinn angekommen, wurde ich gleich auf einen blonden Burschen aufmerksam, der ein ebenso weißes Täfelchen in die Höhe hielt, auf der die beiden Worte "BEST ESTONIA" geschrieben standen. Außenstehende mögen dies vielleicht als patriotischen Akt klassifizieren, nachdem wir aber nicht in den USA sind, hatten die Worte eine andere Bedeutung, zumindest ersteres. BEST steht nämlich für "Board of European Students of Technology". Und diese Studierendenorganisation hat in vielen Ländern Europas Zweigstellen, auch in Estland (in Österreich übrigens nicht). Zentrales Element dieser Organisation, welche man am ehestens mit IAESTE vergleichen kann, sind nicht der Austausch von Praktikumsplätzen, sondern das Veranstalten von akademischen Kursen. Die Themen dieser Kurse sind ungefähr so vielschichtig wie das Studienangebot an unserer TU, somit hat sich auch ein Raumplanungskurs darunter versteckt. Die Tarnkappe "Ideology in Architecture" konnte mich trotz einer bereits absolvierten "Konstruktivismus"-Expedition (mit dem Institut für Städtebau im Mai) nicht abschrecken. Glücklicherweise, denn das Thema dieses Kurses hätte man auch getrost "Raumplanung in Estland" nennen können, denn genau dieses Thema wurde in zwei Wochen von verschiedensten estnischen ExpertInnen aus Universität und Praxis vermittelt beziehungsweise von uns erarbeitet.

in the class room -<br />
during the examination

Die Wissensvermittlung im akademischen Rahmen war aber nicht das einzige zentrale Element dieser zwei Wochen. Rund um die täglichen Inputs wurde von unseren vergötterten OrganisatorInnen ein Freizeitprogramm hochgezogen, welches jeden All-Inclusive-Club mit samt dessen AnimateurInnen mehr als alt aussehen ließe. Obwohl wir praktisch jede Minute in diesen zwei Wochen verplant waren, wurden wir dennoch nie müde - 22 Stunden Sonnenschein haben anscheinend doch gewisse Wirkung. Ob das unvergessliche Wochenende auf der Insel Saaremaa ("what a beautiful island"), die Pub-Rally durch (beinahe) alle Pubs der Tallinner Innenstadt, der Besuch der SakuHall-Baustelle (wo nächstes Jahr der Song-Contest stattfinden wird), eine Hippie-Party (nichts war zu blöd), der in Insiderkreisen bekannte Club "Spirit" (darüber hat FM4 neulich sogar was gebracht) oder gleich die Sauna-Party zu Beginn - da könnte man fast ein bisserl nostalgisch werden.

Sauna Party

Und wenn ich schon dabei bin, muss ich mich wohl gleich meiner KollegInnen erinnern. Zwei kamen aus Belgien, zwei aus Frankreich, 1x Barcelona, 1x Coimbra, 1x Karlsruhe, 3x Ungarn, 3x Polen, 1x Singapur (via Norwegen), 2x Griechenland, 1x Kopenhagen, 1x Bratislava. Eine nette Mischung also, dazu jede Menge an EstInnen.

Wer nun glaubt, dass der einzige Haken an der Sache die Kosten wären, hat sich getäuscht: Um schier unglaubliche 50 Euro hatte ich zwei Wochen lang sämtliche Fixkosten inkludiert (sprich Hotelzimmer, drei Mahlzeiten am Tag und diverse Eintritte und Fahrten).

Overview of the<br />
city with the sea in the background

Wie kommt man nun zu so einem traumhaft anmutenden "Studienurlaub" (um in der Diktion von Andreas Braumann zu bleiben)? Die Antwort dürfte eineN ÖsterreicherIn nicht verwundern: Beziehungen.1

Das Problem ist nämlich folgendes: Nachdem für die Aktivitäten von BEST nur Studierende erlaubt sind, die an einer Universität mit Zweigstelle (local BEST group) studieren, dürfen sich "externe" Studierende (wie wir an der TU Wien) nur auf Empfehlung von BEST-MitgliederInnen bewerben. Nachdem aber letztes Semester (so wie auch dieses Semester) BEST-Mitglieder auf Erasmus an der TU sind, war das dann kein so großes Problem mehr. Eine nachhaltige Lösung des Problems wäre es aber, eine Wiener BEST-Gruppe zu gründen. Dazu bedarf es aber motivierter und engagierter Studierender. Wenn Du meinst, u.U. ein solcher sein zu können, dann wird dich vielleicht interessieren, dass bereits von 01. bis 04. November ein BEST-Jamboree (keine Pfadfinder..) in Bratislava stattfinden wird. Erwartet werden an die 200 Gäste.

text by Tobias Dietrich, photos by David Herman

1 This article was written before a BEST group was founded in Vienna. Now it is possible to apply to BEST events on the BEST Application System.

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Last edited: 14 January, 2009 - 12:53